Webseite von PD Dr. Wolfgang Schindler

Proseminar: Grundzüge der Schreibgrammatik des Deutschen, Sommer 2019, Dienstag 16 – 18 Uhr in 209 RG. Ab 30.04.

 

Dieses Proseminar führt in die Grundlagen unserer Schreibgrammatik ein. Das heißt: Wir „büffeln“ nicht die Rechtschreibregeln, sondern versuchen, aus Daten, Orthographieregeln, Fehleranalysen etc. die gegenwärtige Schreibgrammatik (im Detail: Kommagrammatik, Apostrophengrammatik, …) zu beschreiben. Und wir studieren, was Fachkolleg*innen zur Schreibgrammatik bereits erforscht haben.

Was eine Schreibgrammatik leistet, sehen Sie im Folgenden. Die Verschriftung einer gesprochenen Äußerung gebe ich in (1) in einer Form wieder, die einer Schreibtradition der römischen Antike (römische Capitalis und scriptio continua) nachempfunden ist. In (2) sehen Sie sie in ihrer aktuellen gegenwartssprachlichen Form:

(1) KENENSIDENAUSRUFAHDUGRUNENEUNEFRAGTEDERDOZENT

(2) „Kennen Sie den Ausruf ‚Ach, du grüne Neune!‘?“, fragte der Dozent.

(3) „Kennen Sie den Ausruf ‚Ach, du grüne Neune!‘?“, fragte der Dozent.

Die mit Rot markierten Stellen sind Ergebnisse unserer Schreibgrammatik. Zwei Fälle schneide ich kurz an: Das <K> wird produziert, weil der geschriebene Satz bzw. die geschriebene Äußerung mit der Großschreibung des ersten Buchstabens beginnt. Das zweite Komma erscheint, weil in einer subordinativen Verbindung zweier Sätze ein Komma gesetzt wird, das die beiden Valenz-Fürstentümer (von kennen und fragen) voneinander abgrenzt. Vor dem Komma wird nach links, nach dem Komma nach rechts integriert. Die Wirkung zeigt sich z. B. in Hans Schnee versprach nicht der Königin zu gehorchen, wo wir ohne Komma nicht wissen, was genau wohin zu integrieren ist (z. B. kennen wir ohne Komma den Bezugsbereich der Negation nicht)!

Nach einigen einführenden Betrachtungen zum Thema Schreibgrammatik werden wir uns ausgewählten Teilbereichen unserer Schreibgrammatik zuwenden. Ich werde Sie auch nach Ihren Interessen fragen. Prinzipiell kann alles aus meiner Schriftsystemvorlesung betrachtet werden (und falls Sie in dieser etwas vermissen, können wir ggf. auch das fehlende Thema besprechen), nur reicht ein Semester dazu nicht aus. Also werden wir auswählen.


1. Aktuelles

            - (4.6.) Wir haben heute die WaZ zu Ende besprochen. Hier ist noch ein Online-Paper (Regeltext und meine Anmerkungen) dazu (bitte Kritik, wo nötig).

                        Am 18.6. nehmen wir uns Groß- und Kleinschreibung (GKS) vor!

            - (28.5.) Wir haben die Worttrennung am Zeilenende weitgehend besprochen. Als „Hausaufgabe“ klären Sie bitte, welche Trennmöglichkeiten es bei Puzzle gibt (vgl. Unterschied

                          Duden und elexiko) bzw. welche begründbar sind. Zudem sehen Sie sich bitte Apostroph an: Welche Trennmöglichkeiten haben wir?

                          Sollten wir kommende Woche die WaZ beenden – welches Thema nehmen wir uns als nächstes vor?

            - (25.5.) Hier finden Sie ein Paper zum Thema Schreibsilbe und dem (*ä)rchen-Phänomen! Bitte gründlich lesen, denn die großen Linien ernenne ich hiermit zum Klausurstoff!

                          Ich bitte darum, Unklares, Unstimmiges etc. in der nächsten Sitzung zu kritisieren. ich verbesser(t)e das Paper dann.

                          Paper zum Thema „Schreibsilbe des Deutschen“

- (21.5.) Wir haben heute die Besprechung des Komma(s) abgeschlossen und haben zudem über das Semikolon (s. in meinem Vorlesungstext unten)

   und über die Struktur der graphematischen Silbe (s. ebenfalls VL) gesprochen,  um uns Schreibungen wie Paar/*Päärchen/Pärchen und Saal/*Sääle/Säle zu nähern.

   Das runden wir am 28.5. ab und fahren fort mit: Worttrennung am Zeilenende (Daten im Seminarhandout)!

                          Zum Komma hier ein Handout zum Download. Version 29.05.19 mit Überblick/Vororientierung.

            - (14.5.) Wir haben die Komma-Daten bis einschließlich (15) besprochen. Bitte sehen Sie sich die restlichen Kommaaufgaben bis zum 21.5. an. Wir besprechen dann die Fälle,

                          die Sie interessieren (und sicher das letzte Beispiel (23), denn das ist von Thomas Mann).

            - (7.5.) Wir sind gekommen bis „Schreibung von man/Mann“, Seite 9. Mit „man/Mann“ setzen wir am 14.5. fort. Und wir unterhalten uns über Ihre Wunschthemen für das weitere Seminar!

            - (30.4.) Heute sind wir im Handout gekommen bis S. 2 (etwa Mitte). Dort fahren wir am 7.5. fort.

     Generell:   Die Klausur prüft den im Proseminar anhand des VL-Textes, hier eingestellter Paper und Handouts erarbeiteten Stoffes (bitte die VL-Abschnitte zum im PS Behandelten gut studieren)!

                        Zudem die zum Behandelten passenden Abschnitte aus Eisenberg (2013, Das Wort, s. unten) hinzu; das besprechen wir zu Semesterbeginn.

                        Seminarhandout PS Schreibgrammatik (Einführung und Daten, Version 3-19) - bitte ausgedruckt in die erste Sitzung mitbringen!

                        Vorlesungstext: Das deutsche Schriftsystem (Wolfgang Schindler)

 

Im Folgenden finden Sie Themen, die wir im PS besprechen könnten! Die Auswahl treffen wir in unserer ersten Sitzung am 30.04.

Wir können gerne auch von Schreibproblemen („Fehlern“) ausgehen, die Sie beobachtet bzw. gesammelt haben.

Aufbau des deutschen Schriftsystems (Ebenen der Schreibung)

1   Graphetik 

-  Buchstabensegmente, z. B. Kopf <Ɩ> und Koda <ˉ> bei <t>?

2   Buchstabe

3   Graphem

- Graphographem, z. B. <quelle/duelle>, <dort/fort>

- Phonographem (Lautabbild), z. B. /d/ > <d>, /ʃ/ > <sch>, /i:/ > <ie>

4   Phonographisches Prinzip bzw. Phonem-Graphem-Korrespondenzen

- z. B. /man/ > <man>, /gry:n/ > <grün>

5   Graphotaktik

- besondere Graphemkombinationen, z. B. /i:/ > <ie> > *ienen, in Pron: ihnen

6   Graphematische Silbe und graphematisches Wort

- z. B. minimale Scheibsilbe: <Hen-*dl>, <*E-sel>, <Aa-le>, <Ei-er>, <Ru-i-ne>

- z. B. minimales Wort: ah, da, ei, in, zu; (vgl. à, Il a plu)  [evtl. zu 9?]

7   Silbische Schreibung (silbisches Prinzip)

- z. B. Silbengelenk: /kaə/ > (PGK) <kase> > (silb.) <kasse> > (syntakt.) <Kasse>

- z. B. s(chreibs)ilbeninitiales <h>: /'ze:.ən/ > (PGK) <seen> > (silb.) <sehen>; Dehnungs-<h> (schreibsilbenfinales h): <seh-nen>

8   Morphologische Schreibung (morphologisches Prinzip)

            - z. B. Silbengelenkschreibung im Einsilbler: rennen > Rennbahn, können ® kann

            - z. B. silbeninitiales <h> im Einsilbler: (silb.) sehen > (morph.) seht

9    Wortschreibung

            - Zuammenschreibung (kleinschneiden/klein schneiden, mithilfe/mit Hilfe)   

            - Großschreibung (syntaktisches Prinzip): weil laut Vorschrift der Laut laut zu sein hat  

- Wortzeichen

Divis (wortgliederndes Divis: Ich-AG, Tee-Ei; Worttrennung am Zeilenende: led-rig)   

Apostroph (D’dorf; Carlos/CarlosTaverne); Abkürzungspunkt (Tel., *Tel.nr./Tel.-Nr.)

10   Wortgruppenschreibung (syntaktisches Prinzip)

            - Getrenntschreibung bzw. Spatiensetzung (die Uni Halle, die Uni-Halle)  

            - Komma bei Phrasenkoordination: z. B. Kuno, ein Gitarrist(,) und Pia  [passt auch zu 11]  

11   Satzschreibung (Äußerungsschreibung)

            - Syntaktische Zeichen: Komma, Doppelpunkt, Semikolon, Punkt

12   Interpunktion (restliche, keiner Ebene eindeutig zuzuordnen)

            - Ausrufezeichen, Fragezeichen

- Anführungszeichen, Auslassungspunkte, Gedankenstrich, Klammern

13   Pragmatische Schreibung

                        - z. B. Wir fordern sie/Sie auf, … Evtl. auch StudentInnen, Student*innen

 

2  Seminarablauf

Termine (12): 30.04., 07.05., 14.05., 21.05., 28.05., 04.06., 18.06., 25.06., 02.07., 09.07., 16.07., 23.07. Abschlussklausur

- WICHTIGER TERMIN:  Abschlussklausur in der letzten Semesterwoche in der Sitzung
            Die Klausur prüft den im Proseminar anhand des VL-Textes erarbeiteten Stoff (also bitte die Abschnitte zu den im PS behandelten Phänomenen gut studieren)!

            und das Kapitel 8 Wortschreibung aus der Grammatik von Peter Eisenberg (2013): Grundriss der deutschen Grammatik. Bd. 1 Das Wort. 4. Aufl.  (komplette Angabe siehe 3 Literaturhinweise)!

           

2.1  Die Arbeitsgrundlage für dieses PS:

        Wir folgen im Wesentlichen dem Text meiner VL zum deutschen Schriftsystem.

Im Unterschied zur Vorlesung werden wir mehr problemorientiert arbeiten und mehr diskutieren! Es besteht keine Notwendigkeit, jeden Aspekt der VL im PS zu behandeln. Eine Schwerpunktlegung auf Aspekte, Schreibphänomene und -probleme, die Sie besonders interessieren, ist erwünscht (s. auch Auswahl oben „Aufbau Schriftsystem“)! Zu den bestimmten Schwerpunkten lesen Sie bitte den entsprechenden Abschnitt aus der Vorlesung. Im Seminar analysieren wir Beispiele und Problemfälle. Übungen und ggf. kleinere Literaturstrecken, die wir im Seminar dann besprechen, werden oben unter „Aktuelles“ angegeben  und ggf. online gestellt!
Zudem gehen wir, soweit Sie es wünschen, auf Teile des Regeltextes (s. 2.2) ein.

Meinen Vorlesungstext entwickle ich bei Gelegenheit weiter. Das spielt für die Abschlussprüfung aber keine Rolle.

        Sie können gerne selbst Schreibungsprobleme und Zweifelsfälle in das PS einbringen bzw. mir per Mail senden, damit wir das in der passenden Sitzung aufgreifen und erörtern können!

2.2  Das aktuelle orthographische Regelwerk (ich zitiere es als Regeln 2018) finden Sie hier:

        Aktualisierte Fassung des amtlichen Regelwerks entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung 2016. Mannheim 2018 

Der Download-Link verweist auf die Internetseite/n des „Rats für deutsche Rechtschreibung“. Es geht nicht darum, Details auswendig zu lernen, sondern vor allem „die großen Linien“ zu kennen, damit man sich ggf. neue Fälle ableiten kann (sofern es sich um regelhafte Fälle und keine Einzelfälle handelt).

2.3  Man findet hilfreiche Erläuterungen zu den orthographischen Regelungen in dem Duden-Band 9:

           - Duden (2016): Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. 8., vollständig überarb. Aufl., hg. von Mathilde Henning. Berlin

           -  Canoo.net bietet eine Wörterbuchfunktion an, in der (ggf. alternative) Schreibungen angeführt werden; auf die einschlägigen Regeln wird verwiesen.

3  Literaturhinweise (ausführlicher am Ende meiner VL Schriftsystem, hier einige Überblicksdarstellungen)

- Bredel, Ursula (2011): Interpunktion. Heidelberg   (mit Übungsaufgaben)

- Dürscheid, Christa (2006). Einführung in die Schriftlinguistik. Grundlagen und Theorien. 3. Auflage. Göttingen    (mit Übungsaufgaben)

- Eisenberg, Peter (2013): Grundriss der deutschen Grammatik. Bd. 1 Das Wort. 4. aktualisierte und überarb. Aufl. unter Mitarbeit v. Nanna Fuhrhop. Stuttgart; Weimar 

       (darin das Kapitel 8 Die Wortschreibung; mit Übungsaufgaben)

- Fuhrhop, Nanna (2009): Orthographie. 3., aktualisierte  Aufl. Heidelberg   (mit Übungsaufgaben)

- Fuhrhop, N. / Peters, J. (2013): Einführung in die Phonologie und Graphematik. Stuttgart; Weimar   (mit Übungsaufgaben)

- Nerius, Dieter (2007). Deutsche Orthographie. 4., neu bearb. Aufl. Hildesheim, Zürich, New York

- Ossner, Jakob (2010): Orthographie. Paderborn.

 

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