Webseite von PD Dr. Wolfgang Schindler 

Proseminar "Konstituenz, Dependenz, Präzedenz", Sommer 2017, Di. 14 – 16, S3/E 054

 

 

1  Aktuelles

   Das vorläufige (unfertige, aber schon lesbare) PS-Handout: Handout Proseminar Konstituenz, Dependenz, Präzedenz

   Das Handout ist wohl zu umfangreich und auch thematisch werden wir nicht alles betrachten. Gerade im Bereich Dependenz ist es detailreich, aber wegen der Freaks kürze ich mal noch nichts.

   Lassen Sie sich nicht abschrecken, es wird weniger technisch, als es aussieht, und wir werden auch an konkrete Beispiele herangehen, nachdem wir die drei Grundbegriffe besprochen haben!

Dieses PS widmet sich einigen wesentlichen Aspekten der syntaktischen Struktur bzw. der Theorie bezüglich syntaktischer Strukturen. Wir werden speziell die Relationen der Konstituenz und der Dependenz in Augenschein nehmen und versuchen, diese Ansätze zu „schärfen“. Bei der Dependenz beispielsweise werden nicht selten semantische, morphologische und syntaktische Aspekte in einen Topf geworfen. Bei der Konstituenz gibt es eine ganze Reihe nach-klassischer Strukturierungsansätze. Wir werden noch sehen, was genau wir uns davon ansehen.

„Präzedenz“ ist ein Arbeitsbegriff, der eine strukturrelevante topologische Beziehung erfassen soll. Sie spielt etwa bei intraphrasalen Abfolgen eine Rolle: Wie ist die Serialisierung von Kopf und Komplementen/Adjunkten? Vgl. Pia hat [einen Geist gesehen] (Verbkomplement präzediert verbalen Kopf, NP > V) und engl. Pia has [seen a ghost] (V > NP). Vgl. auch in München (Kopf > Komplement) und jap. „München in“ (Kopf zuletzt). Diese Relation ist in der GG (Generativen Grammatik) spezifisch definiert. Wir werden sehen, wie wir Präzedenz fassen werden.

„Konstituenz“ beschreibt Teil-Ganzes-Beziehungen. Sie kennen Konstituententests wie die Topikalisierung oder die Substitution: Gestern hat [Pias Nachbar] [freundliche Gespenster] gesehen > Pias Nachbar hat gestern freundliche Gespenster gesehen bzw. > Freundliche Gespenster hat Pias Nachbar gestern gesehen bzw. Gestern hat [er] [sie] gesehen. Die Konstituenten von Konstituenten zeichnen sich in der Regel durch eine größere interne Kohäsion aus als die Kohäsion bzgl. weiterer Satzelemente. In NPs wie freundliche Gespenster ist das z. B. die Kongruenz von Adjektiv und NP-Kopfsubstantiv; zu gestern z. B. unterhält das AKKO keine engeren Beziehungen.

„Dependenz“ ist eine Relation, die zuerst recht einfach erscheint. Doch bei genauerem Hinsehen ist der Dependenzbegriff gar nicht so eindeutig. Ist z. B. in das freundliche Gespenst das adnominale Adjektiv direktes Dependens des Substantivs oder des Artikels? Manche sehen die Dependenz (ich bilde das linear ab) so: N (Regens) –> ART –> ADJ (warum „so“? Weil das Adj artikelbeeinflusst flektiert, vgl. ein freundlich-es Gespenst), bei anderen hängen Art und Adj von N ab (Art <--  N (Regens) –> Adj), und diese Sicht teile ich, jene nicht. Wir werden einen dezidiert syntaktisch orientierten Dependenzbegriff studieren und uns zu eigen machen. Alternativen werden selbstverständlich gerne diskutiert!

Dieses PS ist eine Neukonzeption. Bis Semesterbeginn arbeite ich ein Konzept (auch als Handout) aus! Neueres dann auf dieser Webseite!

Wir werden zusammen an und mit diesen Theoriebegriffen arbeiten. Sie sollen auch zeigen, was sie für eine syntaktische Analyse leisten können. Ich hoffe (als Lernziel), dass sich nach diesem Seminar selbst komplexe Sätze wie der folgende (wo ist der hierarchisch höchste Satz?) als Scheinmonstrositäten herausstellen.

1         Im magischen, mythischen West Point, wo es ihm an jenem Tag schien, als wäre in jedem Quadratzentimeter der am Fahnenmast flatternden Fahne mehr von Amerika als in

2         jeder anderen Fahne, die er je gesehen hatte, und wo die eisernen Gesichter der Kadetten für ihn erfüllt waren von einer überwältigenden heroischen Bedeutung, selbst hier, im pa-

3         triotischen Mittelpunkt, im Mark des unzerbrechlichen Rückgrats seines Landes, wo die Phantasien eines Sechzehnjährigen deckungsgleich waren mit den offiziellen Phantasien,

4         wo alles, was er sah, ihn mit einer ekstatischen Liebe nicht nur zu sich selbst, sondern zu allem, was er sah, beseelte, als wäre die ganze Natur eine Manifestation seines eigenen

5         Lebens – als wären die Sonne, der Himmel, die Berge, der Fluß, die Bäume nichts anderes als ein millionenfach vergrößerter Coleman Brutus „Silky“ Silk –, selbst hier kannte

6         niemand sein Geheimnis, und so ging er in die erste Runde und boxte nicht wie Mac Machrones ungeschlagener Konterboxer, sondern schlug mit aller Kraft zu. [Philip Roth: Der menschliche Makel]

 

2  Allgemeines

            Termine (13): 25.4., 2.5., 9.5., 16.5., 23.5., 30.5., 13.6., 20.6., 27.6., 4.7., 11.7., 18.7., 25.7. Abschlussklausur

 

 

3  Literatur (wird noch erweitert)

 

- Mel’cuk, Igor (1988): Dependency Syntax: Theory and Practice, Albany, N.Y.: The SUNY Press.

- Mel’cuk, Igor: Dependency in Linguistic Description. Online: http://olst.ling.umontreal.ca/pdf/Dependency.pdf, vgl. Polguère & Mel’cuk (2009)!

- Polguère, Alain & Mel’cuk, Igor (2009): Dependency in Linguistic Description. John Benjamins

- Vennemann, Theo (1977): Konstituenz und Dependenz in einigen neueren Grammatiktheorien. In: Sprachwissenschaft 2, 259-301.

 

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